Digitalisierung in der Steuerberatung

„Digitalisierung in der Steuerberatung — das müsste für Dich doch ein Thema sein!“ sagte mir ein ehemaliger Studienkollege vor Kurzem. Obwohl ich schon vorher ein Gespräch mit einem Steuerberater zum Thema Digitalisierung hatte, zündete der Funke hier noch nicht.

Nach weiteren Impulsen und ein wenig Recherche stellt sich heraus, dass Digitalisierung in der Steuerberatung tatsächlich ein interessantes und hoch aktuelles Thema ist. Eine kurze Einführung bietet das Springer essenitals Booklet Digitale Geschäftsmodelle in der Steuerberatung von Thomas Egner.

Eine Reihe von Entwicklungen in der Steuerberatung verleihen dem Thema eine gewisse Dynamik. Hierzu gehören:

  • Zunehmende Verpflichtungen zur digitalen Kommunikation durch die Finanzbehörden
  • Wachsende Erwartungen zumindest von Teilen der Mandantenschaft (und wohl auch der eigenen Mitarbeiter) durch Digitalisierungserfahrungen im Privatleben oder in Unternehmen (auch wenn hier viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) noch erheblichen Aufholbedarf haben)
  • Entdeckung des Themas durch große, vormals oft stark traditionell ausgerichtete IT-Dienstleister der Branche (z.B. DATEV eG)
  • Veränderungen von Kanzleistrukturen
  • Veränderungen im Mix von Steuerberatungstätigkeiten

Die ersten beiden Punkte sind unmittelbar als relevante Treiber der Digitalisierung zu erkennen. Die letzten drei Punkte sind vielleicht erklärungsbedürftig:

Der Anteil von vormals wichtigen Tätigkeiten in Steuerberatungskanzleien wie z.B. das Belegmanagement und die Buchhaltung nimmt ab: Belege können durch Steuerpflichtige bequem elektronisch erfasst werden (falls sie nicht ohnehin digital vorliegen) und auch Buchhaltungstätigkeiten können mittels auf breiter Basis verfügbarer Software durch Mandanten selbst durchgeführt werden. Die entsprechende Software wird u.a. von den dominanten IT-Dienstleistern der Steuerberatungsbranche bereitgestellt (z.B. der DATEV eG), aber auch Drittanbieter bieten kostengünstige Softwarepakete auch für kleinere Unternehmen an.

Hierdurch steigt der Anteil digitaler Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Steuerberatern und Mandanten unmittelbar. Gleichzeit fallen jedoch wesentliche Tätigkeiten — und damit Umsatztreiber — zunehmend weg. Neue Ideen und ggf. Tätigkeiten müssen her, um diesen Wegfall zu kompensieren.

Die Dominanz einiger weniger IT Dienstleister bzw. Softwareanbieter macht eine effektive Differenzierung der Steuerberater schwierig, da hier „Waffengleichheit“ hergestellt wird: die Fähigkeiten eines Dienstleisters bzw. Softwarepakets (z.B. der DATEV eG) bleiben für Mandanten grundsätzlich gleich — egal durch welchen angebundenen Steuerberater diese Mandanten vertreten werden.

Wenn sich Steuerberater durch ihr Kernprodukt bzw. ihre Kerndienstleistung und auch durch die Fähigkeiten der digitalen Kernplattformen nicht effektiv differenzieren können, so muss diese Differenzierung anderweitig erfolgen. (Servicedesign und New Service Development in der Steuerberatung sind vielleicht auch einmal interessante Themen für einen Artikel.)

Eine Differenzierungsmöglichkeit ergibt sich über die Qualität des Onboarding neuer Mandanten auf die entsprechenden digitalen Plattformen, ggf. einschließlich Unterstützung der Integration gängiger Softwarepakete bzw. -dienste der Mandaten. Kanzleien mit entsprechender Erfahrung und Kompetenz können sich hier stark von weniger erfahrenen Kanzleien abheben und ihren Mandanten eine reibungslose Erfahrung bieten. (Das könnte uns irgendwann einmal zu Customer Experience Design in der Steuerberatung bringen.)

Weiteres Differenzierungspotenzial findet sich im Bereich der betriebswirtschaftlichen Beratung, die Steuerberater also sogenannte vereinbare Tätigkeiten durchführen dürfen. Dies erscheint insbesondere mit Blick auf KMU interessant, da Steuerberater hier bereits hohes Vertrauen genießen und die Unternehmen ihrer Mandanten bereits gut kennen. Damit haben sie einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung gegenüber unternehmensfremden Beratern.

Steuerberatungskanzleien sind selbst oft kleine — und zunehmend auch mittlere — Unternehmen. Sie kennen also wesentliche Teile der Herausforderungen, denen sich ihre Mandanten im Zuge der Digitalisierung gegenübersehen, aus erster Hand. Sie könnten sich also recht gut relevante Erfahrung und die damit verbundene Glaubwürdigkeit aus Sicht ihrer Mandanten erarbeiten.

Es ist sinnvoll zu prüfen, ob die Digitalisierungsberatung von KMU Mandanten ein sinnvoller Aspekt der betriebswirtschaftlichen Beratung in entsprechend digital-affinen Steuerberatungskanzleien sein sollte.

Ich höre und lese, dass neue Steuerberater immer seltener den Weg in die Selbständigkeit einschlagen und immer öfter eine feste Anstellung wählen. Dies führt dazu, dass die (durchschnittliche) Größe von Steuerkanzleien steigt und ihre Anzahl sinken wird. Mit zunehmender Größe wächst auch die Wirtschaftskraft, so dass größere Investitionen in die Digitalisierung und entsprechende Kompetenzen möglich werden. Auch kann dann die Einstellung von Mitarbeitern außerhalb des Kernbereichs der Steuerberatung (z.B. Betriebswirtschaftler, ggf. auch Informatiker?) wirtschaftlich abbildbar werden.

Im Rahmen dieser Überlegungen ist stets zu prüfen, welche Grenzen durch regulatorische Einschränkungen gesetzt werden, z.B. wo der Rahmen der vereinbaren Tätigkeiten verlassen würde.

Nicht ganz uneigennützig weise ich darauf hin, dass die Zusammenarbeit mit qualifizierten Freiberuflern, die ein breites Spektrum betriebswirtschaftlicher und technischer Digitalisierungsthemen abdecken können, sinnvoll sein kann. Insbesondere in frühen Phasen der Beschäftigung mit dem Thema Digitalisierung lassen sich so Kosten und Risiken effektiv managen und Chancen erfolgreich nutzen.

Über einen völlig unverbindlichen Austausch zu diesem spannenden Thema würde ich mich freuen.


Ich mutmaße, dass es ähnliche Entwicklungen auch in den Bereichen der Wirtschaftsprüfung und Rechtsberatung gibt, auch wenn sich deren Auswirkungen im Detail sicherlich von denen in der Steuerberatung unterscheiden. Auch hier wäre ich an einem Austausch stark interessiert.


Eigentlich sollte es klar sein, aber hier noch einmal ausdrücklich: Ich biete keine Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung oder Rechtsberatung an. Dieser Artikel stellt lediglich betriebswirtschaftliche Überlegungen dar.